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 Die Stadt der Verlorenen Seelen 
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Beitrag Die Stadt der Verlorenen Seelen
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Die Stadt der Verlorenen Seelen


Prolog


Klatschnass und wütend trat Chandra nach einer Maus, als sie endlich die Tür ihrer Wohnung erreichte. Als ob der Tag nicht schon mies genug gewesen wäre, hatte es nun auf dem Heimweg auch noch angefangen zu Regnen und jetzt lief ihr auch noch dieses Ungeziefer über den Weg. Sie würde bald wieder ein ernstes Wörtchen mit ihrem Vermieter reden müssen, wenn er das nicht endlich in den Griff bekam.
Halblaut vor sich hin fluchend entriegelte Chandra die Tür zu der Wohnung die sie gemeinsam mit Bragi bewohnte. Wenn er wusste was gut für ihn war, würde er ihr jetzt nicht in die Quere kommen und sein verdammtes Mundwerk im Zaum halten. Kaum ging die Tür auf, schloss sie sich schon wieder mit einem vernehmlichen Krachen hinter Chandra. Suchend sah sie sich in dem kleinen Zimmer um, das ihnen als Wohnzimmer diente, von dem noch zwei Türen abzweigten, die jeweils in ein noch kleineres Zimmer führten von denen eines Chandra ihr eigen nannte und ein bogenförmiger Durchgang in die Küche führte.
Auf den ersten Blick konnte sie kein Anzeichen erkennen, dass Bragi schon vor ihr hiergewesen war. Also sparte Chandra den Versuch ihre Wut an ihm auszulassen und steuerte als erstes auf ihr Zimmer zu, wo sie dann ihren Rucksack in eine Ecke pfefferte, nachdem sie einen Wisch Papier herausgenommen hatte, und ihren Schwertgurt mit etwas mehr Sorgfalt aufs Bett schmiss.
Mit dem Zettel in der Hand ließ Chandra sich dann in den roten, schon etwas ausgebleichten Lehnstuhl sinken, der eine ihrer neuesten Anschaffungen war und das einzige Stück Luxus das sie sich gönnte. Seufzend faltete sie das Papier auf und las ein weiteres Mal was darauf stand. Jetzt da ihre schlimmste Wut schon wieder halb verraucht war konnte sie nur wieder einmal den Kopf schütteln über die Dreistheit der Wache. Wann würden sie endlich begreifen, dass Strafzetteln bei hr nichts bewirkten? Was konnten diese Schwächlinge ihr schon anhaben.. Mit einem verächtlichen Schnauben zerknüllte sie den Zettel und warf ihn in eine Ecke.

Die Kutsche, in welcher Bragi saß, brauste über das nasse Kopfsteinpflaster. Einige verärgerte Passanten mussten dem Vierspänner ausweichen, während andere verärgert Flüche hinterher brüllten. Den Kutscher interessierte es nicht, dass er durch Pfützen fuhr. Als sie in der vornehmeren Wohngegend ankamen, zahlte Bragi dem Kutscher seinen Sold und stieg aus. Obwohl er es nicht weit hatte, schlug er den Kragen seines abgetragenen, braunen Mantels auf und stiefelte geduckt über die Straße. Er stieg auch jedes Mal wieder an der falschen Seite aus, es war wie verhext.
Vor der Tür angekommen klopfte er sich den Dreck von seinem Mantel – was bei diesem Mantel keinen großen Unterschied macht. Bragi besaß ihn schon sehr lange und das sah man ihm auch an. Ausgeleierte Krämpe, eine dreckig braune Farbe die zwischen Verwaschen und mit Fäkalien gewaschen schwankte. Aber es war ein guter Mantel, er hielt die Kälte und die Nässe draußen und man wurde nicht so schnell von Gangstern überfallen. Was Bragi aber eh nichts ausmachte, hatte er doch immer ein gutes Messer griffbereit, wenn er nicht gerade mit seiner Streitaxt spazieren ging – die in den Augen seiner geschätzten Kollegin Chandra nicht zu ihm passte. Chandra war auch der Grund warum er einen ticken länger als gewöhnlich vor der Tür stehenblieb, den Schlüssel in der Hand haltend. Sie war in letzter Zeit sehr gereizt und dann blieb man ihr besser fern, sollte einem sein Leben lieb sein.

Bragi steckte den Schlüssel ins Schlüsselloch. Er drehte ihn einmal nach links und dann … oh Chandra ist wohl schon da, oder sie hat mal wieder vergessen zweimal abzuschließen, dachte sich Bragi, während er die Tür geräuschvoll öffnete. Er sagte nichts sondern schloss die Tür wieder und hing seinen Mantel an den Haken. Dann ging er in die Küche und setzte heißes Wasser auf. Das brauchte er jetzt bei diesem Wetter. Als Bragi in die Knie ging um das Kaffeepulver aus dem unteren Schrank zu holen knackte es in seinen Knien. Chandra hasste dieses Geräusch, besonders wenn er es extra mit seinen Fingergelenken machte. Schmunzelnd holte er das Kaffeepulver hervor. Das Wasser in der Kanne blubberte schon so dass Bragi es vom Feuer nehmen konnte. Er legte ein braunes Papier über eine zweite Kanne und befüllte es mit dem Kaffeepulver. Dann goss er das kochende Wasser darüber und wartete. Es dauerte nicht lange da füllte sich der ganze Raum mit dem aromatischen Duft südländischen Kaffees – welcher Bragi ein hübsches Sümmchen gekostet hatte. Wohl wissend, dass Chandra jetzt auch eine gute Tasse brauchen könnte, holte er zwei Tassen aus dem oberen Schrank und füllte den fertigen Kaffee hinein. Mit den zwei dampfenden Tassen ging er dann ihn den Wohnbereich und begrüßte Chandra. „Ich hab uns Kaffee gemacht, und eine tolle Nachricht von einem alten Bekannten."

Chandras erster Impuls war es ihn zu ignorieren, denn sie hatte jetzt eigentlich keine Lust mit ihm zu reden und so hielt sie ihre Augen die ihr zugefallen waren während sie Rachepläne gegen die örtliche Wache ersonnen hatte, geschlossen. Erst als sie den Duft von frischgekochtem Kaffee wahrnahm, ließ sie sich dazu herab die Augen zu öffnen und blickte direkt in das grinsende Gesicht von Bragi der ihr die Tasse direkt unter die Nase hielt.
„So, nun da du wach bist, darf ich dir jetzt unterbreiten, was mir unser lieber Freund Malden unterbreitet hat?“, Bragi benutzte das Wort ‚Freund‘ mit einem spöttischen Unterton, der anzeigte wie viel er von dem angesprochenen hielt.
Die Hände schon um die angebotene Tasse gelegt, verzog Chandra bei der Erwähnung des Namens das Gesicht. „Was will er denn diesmal? Sollen wir ihm auf dem Weg zu seiner Großmutter die zehn Meter entfernt wohnt Begleitschutz geben?“ Mit einem leichten Grinsen über diese Bemerkung ließ sich Bragi auf dem Sessel schief neben Chandra nieder. „Ah nein, diese Mal scheint es sogar etwas interessanter zu sein, denn es geht nicht direkt um ihn, sondern um seinen Cousin. Der sucht nämlich in der Tat noch zwei Begleiter die ihm ein wenig unter die Arme greifen könnten. Allerdings geht es nicht um den Weg zur Großmutter, sondern um eine kleine Expedition.“ „Hmm.. Expedition kling schon ein mal gut und ohne diesen Feigling sogar noch besser. Wo soll es hingehen?“ Endlich wieder raus aus diesem Loch… Wenn ich noch lange hier festgesessen hätte, wären mir noch einige blöde Ideen gekommen. Chandra richtete sich auf aus ihrer lümmelnden Position und beugte sich vor. Sie hatten schon länger keinen spannenden Auftrag mehr bekommen, und langsam hatte sich bei ihr eine Art Lagerkoller angebahnt, doch Expedition klang nun eindeutig nach etwas Interessantem.
„Nun, Malden konnte mir leider nicht sagen, wo sein Cousin hinwollte, aber er hat mir seine Adresse gegeben, das heißt morgen können wir hingehen und ihn selbst fragen.“ Etwas enttäuscht darüber nicht sofort loslegen zu können, sank Chandra wieder ein Stück zurück. „Naja, ich werde schon mal meine Sachen packen. Danke für den Kaffe übrigens.“ Mit einem schelmischen Grinsen drückte sie Bragi die leere Tasse wieder in die Hand und verschwand in ihr Zimmer um ihre sieben Sachen für die Reise die hoffentlich bevorstand zusammenzupacken. Den Strafzettel und den Ärger darüber hatte sie vollkommen vergessen.


9. Sep 2010, 15:49
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Beitrag Re: Die Stadt der Verlorenen Seelen
Bragi hatte kaum ausgesprochen, da war Chandra auch schon verschwunden und Sachen am packen. Ihm blieb mal wieder nichts anderes übrig, als das von ihr, in der kurzen Zeit, angerichtete Chaos zu bereinigen. Mit den zwei Tassen in der Hand ging es zurück zur Küche. Warum machte sie es sich nur so schwer, morgen konnte sie immer noch ihre Sachen packen. Er würde es jedenfalls so machen. Während des Spülens dachte Bragi darüber nach wie sehr Chandra, seinen auf-den-letzten-drücker-erledigen tick doch hasste. Sie kannten sich jetzt schon eine halbe Ewigkeit und wohnten nun schon seit längerem zusammen. Auf die meisten wirkten sie, mit ihren Streitereien wegen Nichtigkeiten, wie ein altes Ehepaar. Dabei hatte es zwischen ihnen nie gefunkt. Sie mochten sich aber das war es auch schon und Bragi konnte es sich beim besten willen nicht vorstellen mit dieser Frau den heiligen Bund der Ehe einzugehen.

Nachdem er die Küche auf Vordermann gebracht hatte gönnte sich Bragi einen großzügigen Schluck Whiskey. Ein Blick auf die teure und ebenso kitschige Wanduhr verriet dass es noch zu früh zum Schlafen war. Trotzdem übermannte ihn eine plötzliche Müdigkeit, auf die er sich keinen Reim bilden konnte. Ein hübsches Kaminfeuer würde da sicher helfen. Bragi stellte sein Glas auf einen antiken Vortisch und ging Richtung Keller. Hoffentlich haben wir noch genug Holz dachte sich Bragi als er vor der massiven Stahltür stand. Welch eine Verschwendung. Wir haben in unseren Wohnungen nur billige Holztüren und der Keller, in welchem nur alte Klamotten und Feuerholz lagern, wird von einer dicken Stahltür beschützt. Kopfschüttelnd öffnete Bragi die Tür, welche mit einem nicht all zu leisen quietschen aufging. Untermalt wurde das quietschen von einem knirschen, welches Bragi zeigte, das der Dreck auf dem Betonboden, mal wieder so dick war das die Tür drüber schrappte. Schnell das Feuerholz eingesammelt und die Tür mit einigem Kraftaufwand - da sie sich mal wieder verkeilt hatte – geschlossen. Wieder vor dem Kamin legte Bragi drei Scheite in den Kamin und zündete etwas altes Papier an. Es würde sicher noch gut eine Stunde dauern bis das Feuer stark genug brennen würde. Sein Whiskey in der Hand, gerade zum Mund geführt um einen weiteren Schlucken zu nehmen, fiel ihm plötzlich eine Idee ein. Doch wollte er sie wirklich in die tat umsetzen? Sein Blick schweifte vom Whiskeyglas zum schwach glimmenden Feuer im Kamin und wieder zurück zum Whiskey. Es war ein guter Whiskey, ein alter Whiskey und ein leckerer Whiskey. Aber Bragi wollte es auch schnell muckelig warm haben und den Tag in dieser schönen Atmosphäre zu Ende klingen lassen. Man sah ihm deutlich an das er es nicht gern tat und mit dem Gedanken haderte aber zum Schluß kippte er dann doch den Inhalt seines Glases ins Feuer. Doch anstatt einer lodernden Flamme, machte es nur einmal kurz puff und das Feuer glomm weiter vor sich hin. Na dass ging ja mal Gründlich daneben. Bragi war sauer. Sauer auf sich und das Feuer. Er merkte auch nicht das Chandra hinter ihm stand und ihn amüsiert beobachtet hatte.

„Du hast Glück, dass das dein eigener Whiskey war, sonst hättest du jetzt was erleben können.“, an ihrem Ton konnte man erkennen, dass sie das Gesagte nicht wirklich ernst gemeint war. Einen Sessel heranziehend gesellte Chandra sich zu Bragi und nippte an einer mitgebrachten Tasse aus der der leicht herbe Geruch von Grüntee aufstieg. „Ich frage mich sowieso immer wie du das Zeug trinken kannst.“ Sie schüttelte den Kopf und nahm einen weiteren Schluck, verzog dabei jedoch das Gesicht, denn sie hatte vergessen wie heiß der Tee noch war. Als Bragi, der noch immer mit bösem Gesicht ins Feuer stierte, nicht auf die Sticheleien antwortete, lehnte Chandra sich zurück und beobachtete ebenfalls das klägliche Feuer, das nur sehr, sehr langsam an Stärke gewann. Irgendwann jedoch reichte es Chandra und sie ging zum Feuer. Dort sah Bragi sie kurz überlegen, bevor sie anfing, erst langsam und dann immer schneller mit einer herumliegenden Zeitung das Feuer an Zufächeln. Dieses jedoch zeigte sich bis auf ein dezentes Flackern eher unbeeindruckt, so dass Chandra nach kurzer Zeit ihre Bemühungen mit einem gegrummelten „Wir brauchen einen neuen Kamin“ aufgab, in ihr Zimmer abrauschte und Bragi mit dem kläglichen Feuer wieder alleine ließ.

Die Reise beginnt


„Bist du sicher, dass wir hier richtig sind?“ Chandras Blick schweifte zweifelnd von dem edlen Herrenhaus zu dem kleinen Zettel auf dem eine Adresse notiert war. „Es wirkt irgendwie nicht gerade so, als währe sein Bewohner der verwegene Abenteurer, der sich in den nächsten Tagen in den tiefsten Dschungel wagen will.“ Auch Bragis Blick war eher skeptisch, doch er versicherte: „Ja ich bin mir ganz sicher. Du siehst doch selbst, dass die Adresse stimmt.“ „Ja schon aber…“, Chandras Einwand endete in einem Murmeln, da Bragi schon die Türglocke betätigte, die passend zum Haus mit einigen Schnörkeln und Goldverzierungen verschönert worden war und bei der Chandra sich schon gewundert hatte, dass noch niemand auf die Idee gekommen war sie zu stehlen.

Wenige Sekunden nachdem das wohlklingende Läuten ertönt war, öffnete sich die Tür und ein Diener dessen Uniform vermutlich das doppelte wert war, von den Kleidern die Chandra trug wie sie erstaunt bemerkte, blickte sie leicht missmutig an. „Was wünschen sie?“, sogar die Stimme passte zu seinem Schnöseligen aussehen, ein Diener durch und durch. „Wir wollen einen gewissen“, Bragi blickte kurz auf den Zettel „Herrn Gregorius Franziskus.“ Der in schwarz-rot gekleidete Diener blickte ungerührt, als er fragte: „Gregorius Franziskus der erste, der zweite, oder der dritte?“ Bragi war nicht anzumerken, dass ihn diese Frage überrumpelte „Welcher von den dreien plant, in nächster Zeit eine Exkursion in den Dschungel durchzuführen? Wir wären nämlich sein Begleitschutz.“ Es faszinierte Chandra immer wieder, wie Bragi beim Anblick von so viel Luxus, ja so viel Macht so ruhig bleiben konnte. Aber vermutlich lag es daran, dass er in gewisser Weise damit aufgewachsen war, während sie ihre Kindheit in einer kleinen Baracke nahe den Stadtmauern verbracht hatte.

„Nun, dann meinen sie vermutlich den Gregorius Franziskus den Dritten. Ich werde euch anmelden.“ Damit rauschte er ab und ließ Bragi und Chandra die sich verdutzt ansahen, einfach stehen. Er kehrte jedoch schon wenige Zeit später zurück um sie hereinzubitten. Er führte sie durch einen langen Flur bis zu einer Holztür, über deren Seiten sich kunstvolle Schnitzereien zogen. Diese öffnete der Diener mit einer ausladenden Bewegung, sodass dahinter Wände voller Bücher zum Vorschein kamen. „Der Herr erwartet euch in der Bibliothek.“ Damit verschwand er in den Tiefen des Hauses.

Mit einem Achselzucken machte Bragi den ersten Schritt in den Raum und ein wenig eingeschüchtert von dem Prunk, folgte Chandra ihm auf dem Fuße. Sobald sie die Tür hinter sich geschlossen hatten, zeigte sich die Fülle an Büchern die dieses Zimmer enthielt in seiner ganzen Größe. Die wenigen Zwischenräume zwischen den Regalen waren mit Gemälden von finster dreinblickenden Menschen behangen, die alle eine gewisse Ähnlichkeit miteinander hatten, also vermutlich die Ahnen der Familie darstellten. Von dem Inhaber selbst war jedoch nichts zu sehen.

Während Chandra sich noch staunend umblickte hatte Bragi einen Durchgang zwischen den Regalen entdeckt und machte sie mit einem Ellenbogenstoß darauf aufmerksam. „Er wird wohl da hinten auf uns warten. Offensichtlich wollte er uns zuerst noch seine Schätze vorführen.“, unbewusst hatte Bragi seine Stimme zu einem Flüstern gesenkt. Chandra nickte nur und die Beiden steuerten auf den Durchganz zu. Als sie hindurchgetreten waren, offenbarte sich ihnen ein ähnliches Bild wie in dem Raum vorher, doch dieses Mal war ein Schreibtisch in die Mitte gesetzt an dem ein Mann saß. Er wirkte noch eher jung und blickte nicht von den Papieren vor ihm auf, obwohl er sie kommen gehört haben musste. Erst als Bragi sich auffällig räusperte hob er den Kopf und mit einem gespielt überraschten Gesichtsausdruck wandte er sich an sie: „Oh da seid ihr ja schon. James hat euch schon angekündigt.“ Mit einer übertrieben grazilen Bewegung stand er auf und ging zu Bragi und Chandra um ihnen beiden die Hand zu schütteln. „Wie ihr vielleicht schon herausgefunden habt ist mein Name Gregorius Franziskus der Dritte, aber ihr könnt mich gerne Gregorius Franziskus nennen.“ Er lächelte gönnerhaft und übersah zum Glück Chandras entgeisterten Gesichtsausdruck. „Und mit wem habe ich die Ehre?“ Schnell antwortete Bragi, bevor Chandra noch eine blöde Bemerkung einfallen konnte: „Mein Name ist Bragi und meine Begleiterin heißt Chandra.“ „Ihr könnt mich aber…“ Chandra stockte als sie Bragis warnenden Blick sah. Das kurz entgleiste Lächeln von Gregorius Franziskus verriet ihr, dass er wohl bemerkt hatte was sie hatte sagen wollen, doch es kam sofort seine gute Erziehung durch und sein Lächeln wirkte breiter denn je. „Nun denn, willkommen in meinem bescheidenen Heim. Mein Cousin hat mir schon von euch erzählt und euch herzlichst empfohlen. Er hat zwar nicht erwähnt, dass auch eine Frau dabei sein wird, aber das erleichtert zumindest das Kochen.“ Noch während er sprach wandte er sich ab und ging zurück zu seinem Schreibtisch. Bragis Blick konnte Chandras böse Bemerkung gerade noch im Keim ersticken und so ballte sie nur die Fäuste. „Gut, nachdem wir uns jetzt kennen, würde ich sagen, können wir gleich zum Geschäft übergehen.“ Gregorius wies auf die beiden leeren Sessel die vor dem Tisch standen. Chandra und Bragi setzten sich während der Hausherr demonstrativ einige Blätter ordnete. „Ich nehme an, mein Cousin hat euch schon ein wenig eingeweiht, welch gewagten Plan ich schmiede?“ Er blickte die Beiden auffordernd an, bis Bragi nickte.

„Ihr fragt euch jetzt sicher warum ich eine derart gefährliche Reise auf mich nehmen will und ich werde euch auch nicht länger auf die Folter spannen.“ Entgegen seiner Worte machte er eine theatralische Pause. „Ich vermute, dass ihr noch nie von der Frucht des Lebens gehört habt?“ Chandra und Bragi schüttelten verneinend den Kopf. „Nun, diese Frucht ist einzigartig auf unserem schönen Planeten, zumindest in dem Gebiet das bis jetzt erforscht worden ist. Sie wächst nur in dem Urwald der sich entlang des Furjan-Flusses zieht und sämtliche Versuche sie an einem anderen Ort anzubauen sind bis jetzt fehlgeschlagen. Ihr Entdecker war Samuel J. Meldon und eben dieser brachte sie auch in unsere Breiten wo sie einschlug wie eine Bombe. Keiner hier hatte je eine Frucht gekostet die gleichzeitig alle Geschmacksvariationen harmonisch zu einem einzigen phänomenalen Erlebnis vereinte.“ Kurz wurde Gregorius Blick verträumt und seine Stimme hatte einen verzückten Tonfall angenommen, was darauf schließen ließ, dass er einer der Glücklichen gewesen war, der sie hatte kosten dürfen. Mit einem leichten Kopfschütteln kehrte er wieder in die Realität zurück. „Aufgrund ihres außergewöhnlichen Geschmacks und vermutlich als Verkaufsstrategie des alten Sam Meldon kursierten schon bald allerlei Gerüchte in der noblen Gesellschaft die von ewiger Jugend über ewiges Glück, und was es sonst eben noch so gibt, reichten. So bekam die Frucht den Namen den sie heute noch trägt: Die Frucht des Lebens, was zwar meiner Meinung nach sehr irreführend ist, aber rein verkaufsstrategisch äußerst praktisch. Es waren auch nie viele Exemplare im Umlauf, so dass der Verkaufspreis ins unermessliche stieg, jedoch sorgte Sam Meldon immer für Nachschub, wenn auch nur begrenzten.

Vor wenigen Wochen jedoch, wurde, Gott möge seiner Seele gnädig sein, Sam Meldon tot in seinem Haus aufgefunden. Niemand weiß genau was ihm zugestoßen ist und meiner Meinung nach ist auch fast alles möglich, von Herzinfarkt über Gift - das ihm ein eifersüchtiger Kollege untergeschoben hat.

Nun ist es aber so, dass niemand, außer eben diesem Herrn die genauen Standorte kennt an denen die Frucht wächst, da er der einzige Lieferant war. Deshalb lechzt die höhere Gesellschaft Inars schon nach einer erneuten Zufuhr der exquisiten Frucht. Und hier kommen wir ins Spiel. Ich muss ja nicht erwähnen dass der Verkauf eben jener Frucht ein sehr lukratives Geschäft ist. Restaurants und Adlige oder einfach nur Reiche zahlen ein Vermögen dafür.“
Reicht ihm das was er hat denn nicht? Noch bevor Chandra das Gedachte laut aussprechen konnte warf ihr Bragi wieder einen vernichtenden Blick zu. Er wusste genau wie Chandra tickte und so behielt sie das Gedachte für sich.
„Ich werde schon morgen in aller früh abreisen. Sein sie bitte pünktlich, ich mag es nicht zu warten und musste auch noch nie warten.“ Bragi verneigte sich vor Gregorius, während er Chandra zum Durchgang schob. Als die beiden gerade so außer Hörweite waren fing Chandra auch schon an zu fluchen. „Wie kann er… also da fehlen einem doch die Worte… dieser reiche Pink…“ der Rest blieb ihr im Halse stecken. Sie setzte ein schiefes Grinsen auf und wurde sogleich von Bragi – dessen Blick Entschuldigung und sei ruhig zugleich sagte, diesmal deutlich unsanfter, zur Tür gezerrt. James schüttelte nur den Kopf und schloss hinter den beiden die Tür. Den ganzen Rückweg zu ihrer Bleibe konnte sich Chandra, mal wieder, anhören dass sie ja keine Manieren besäße, sich wie die Axt im Walde aufführe und eine menge geschwollene Wörter die für sie keine Bedeutung hatten. Wenn Bragi wütend auf Chandra wurde wechselte er zu genau dieser Sprache die er eigentlich auch nicht leiden konnte und wegen der er das Anwesen seiner Familie verlassen hatte.

Ankunft mit Hindernissen

Noch bevor die Sonne ihre ersten Strahlen über den Horizont warf und alles Leben erwachte, standen, Bragi und Chandra, am Hafen suchten das Schiff von Gregorius Franziskus III. Es war kein riesiger Hafen mit dutzenden Handelsposten, so wie in Braine, hatte aber alles was zu einem gut ausgestatteten Hafen gehörte; mehrere Piers für kleine bis große Schiffe, einen Fischmarkt sowie den dominanten Geruch von Fisch, mürrische Arbeiter die mit ihren Tätowierungen und mangelnder Körperpflege dem Hafen ein raues Image gaben, illegale Machenschaften die Waren, Tiere und Menschen schmuggelten und vereinzelte Personen die hier einfach nicht hingehörten. Ein ganz normaler Hafen halt.

„Es muss doch hier irgendwo sein. Es hieß morgens am Pier 6 und wir sind am Pier 6.“ „Jetzt sei doch nicht so ungeduldig“ ermahnte Chandra Bragi. „So etwas gehört sich nicht für einen Herrn aus gutem Hause.“ „Ich habe doch gesagt es tut mir leid, wann verzeihst du mir denn?“ Bragi guckte ihr flehend in die Augen. Doch anstatt einer Antwort schnappte sich Chandra den nächsten Arbeiter und fragte ihn ob hier vor kurzem ein prunkvolles Schiff abgelegt hätte. Sie wären am Pier 6 verabredet. „Das ist hier aber nicht Pier 6 sondern Pier 9, die Verankerung der Zahl hat sich nur gelöst so das sie jetzt auf dem Kopf steht.“
Ein danke rufende lief Chandra, Bragi hinter sich her ziehend, quer über den Hafen zum richtigen Pier 6.

„Herr Gregorius Franziskus wartet schon auf Sie, wir waren uns doch über die Uhrzeit einig, wir mögen keine Verspätungen.“ Chandra war von dem riesigen Schiff und der Anwesenheit James so überrascht dass sie – zu Bragis Zufriedenheit – vergaß zu fragen warum James immer von wir sprach. Gregorius Franziskus III. hatte natürlich an keinem Komfort gespart auch nicht bei einem Expeditionsschiff. Zusammen mit James waren noch weitere zwanzig Bedienstete - die sich nur um das leibliche Wohl ihres Herren sorgten - an Bord. Auch konnte er es sich natürlich nicht leisten mit einem gewöhnlichen Schiff aufzubrechen. Nein es musste schon ein mit Gold verziertes Schiff sein. Die Planken mit feinen Schnitzereien versehen, das Segel mit edlen Stickereien verziert und sogar die arbeitenden Matrosen trugen feines Geschmeide. Chandra kam sich mal wieder wie eine arme Bettlerin vor, doch zu ihrer Überraschung sah sie Bragi an dass auch er sich seiner funktionellen Kleidung was schämte und etwas verlegen daran zubelte.


Zuletzt geändert von Borsti am 20. Sep 2010, 12:37, insgesamt 1-mal geändert.
Ich Idiot hab die ersten beiden Absätze vergessen -_-


16. Sep 2010, 10:42
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Beitrag Re: Die Stadt der Verlorenen Seelen
Chandra lehnte sich ein wenig näher zu Bragi als sie fragte: „Denkst du es ist eine gute Idee mit einem Schiff, das aussieht wie eine offene Schatzkiste, durch einen der piratenverseuchtesten Meeresabschnitte zu fahren?“ „Nein wohl eher nicht..“ Bragi hatte die Augen nicht vom Schiff abgewandt als er antwortete. „Aber ich befürchte unser lieber Greg wird sich da sicher nicht jetzt noch umstimmen lassen. Also komm, bevor James unseretwegen einen Herzinfarkt bekommt.“

Also betraten sie über den breiten Steg das Deck des Schiffes. Vor ihnen ragte der riesige Großmast empor, rechts von ihnen der etwas kleinere Fockmast und links der Kreuzmast mit dem dahinter beinahe niedrig wirkenden Aufbau in dem die Kajüten für die Passagiere und weiterer Laderaum untergebracht waren. Das Deck war sauber geschrubbt und vermutlich hatte man sich, bevor die Ladung an Bord gebracht worden war, darin spiegeln können. Trotz der Verzierungen und Goldschnörkel wirkte das Schiff robust und auch als könnte es bei richtigem Wind schon einige Knoten erreichen.

Während die Bragi und Chandra noch den Anblick auf sich wirken ließen, eilte ihnen aus Richtung der Kajüten schon ihr Auftraggeber mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht entgegen. „Willkommen meine Helferlein! Na wie gefällt euch Nereia? Sie ist doch ein absolutes Prachtmädchen, nicht wahr?“ Als Chandra und Bragi sich nur verwirrt anblickten, fügte er noch mit einem gespielt genervten Augenverdrehen hinzu: „Ich meine natürlich das Schiff!“ „Äh ja. Sehr schön. Gehört das Schiff euch?“, antwortete Bragi diplomatisch. Als Gregorius jedoch die Frage vernahm, sah man seine vor Besitzerstolz geschwellte Brust ein wenig sinken, und mit einem verlegenen Blick gab er zu: „Nun ja, nicht wirklich. Dies hier ist eigentlich ein Kreuzfahrtschiff, das zufällig in einem Hafen in der Nähe unseres Ziels ankert. Und außerdem ist der Kapitän ein Freund von mir.“ „Aha.. und wie nah ist „in der Nähe“?“ Die Skepsis in Chandras Stimme war kaum zu überhören. „Nun, wir werden in Sangaleina aussteigen, dann sind es laut Karte nur mehr wenige Kilometer zum Beginn des Regenwaldes und von da müssen wir uns dann einfach immer nach Osten halten, bis wir auf einen Fluß treffen, dem wir dann einige Kilometer weiter Richtung Norden folgen und dann müßten wir eigentlich schon fast da sein.“ Gregorius zog ein wenig hilflos die Schultern hoch als er die entgeisterten Blicke sah. „Tut mir leid, näher ging’s einfach nicht. Das war das einzige Schiff, dass ich auf die schnelle beschaffen konnte.“ Bragi übertönte Chandras gemurmeltes „Na ganz toll...“ mit dem Vorschlag, Gregorius könnte ihnen ja das Schiff zeigen, worauf dieser sofort mit erneutem Enthusiasmus herumfuhr und gleich loslegte.

Nach einer Stunde in der Gregorius die Nereia von den Lagerräumen bis fast zum Krähennest gezeigt hatte, führte er sie endlich zu ihren Kabinen. Mittlerweile waren die Einladearbeiten erledigt und das Schiff war bereit zum Auslaufen. Die Rufe der Matrose schollen über das Schiff und langsam aber sicher setzte sich der breite Rumpf der Nereia in Bewegung und strebte dem Hafenausgang zu. Leise konnte man auch die Rufe der Schaulustigen am Kai hören, die sich noch lautstark von Verwandten verabschiedeten, oder einfach so noch hinterher riefen. Gerade als Bragi und Chandra sich trennten um sich in ihren Kabinen einzurichten, war der Knall des Großsegels zu vernehmen, dass sich, als das Schiff sich in den Wind drehte, lautstark aufblähte. Ein Schwanken und Knarren ging durch das Schiff als es langsam Fahrt aufnahm. Als Chandra dies bemerkte, erschien ein Lächeln auf ihrem Gesicht. Endlich kam sie raus aus dieser Stadt. Endlich kam wieder etwas Aufregung in ihre Leben. Schnell schmiß sie ihre Sachen auf ihre Koje und trat hinaus auf den Gang. Mit immer schneller werdenden Schritten legte sie die wenigen Meter bis zur der Tür zurück die aufs Deck führte und die sie mit einer raschen Bewegung aufstieß. Auf der Türschwelle blieb sie erst einmal kurz stehen schloß die Augen, atmete tief die frische Meeresbrise ein und ließ den Fahrtwind mit ihren langen Haaren spielen. Nach einer Weile öffnete sie die Augen wieder, in denen nun etwas schon beinahe erloschen geglaubtes wieder aufgeflammt war. Langsam schlenderte Chandra die Treppe hinunter und beobachtete das geschäftige Treiben der Matrosen, die wie Ameisen auf den Wanten herumkletterten. An der Reling sah sie einige kostbar gekleidete Pärchen stehen, die offenbar ebenfalls Passagiere auf dem Schiff waren.

Mitleid überkam sie, als sie die zierlichen Frauen betrachtete die eingeschnürt in ihren Miedern kaum atmen konnten und eingezwängt zwischen den unterschiedlichsten moralischen und gesellschaftlichen Pflichten und Vorschriften ihr Leben fristen mußten.
In einem Anflug von Übermut, gesellte Chandra sich zu den Passagieren an der Reling und winkte den immer kleiner werdenden Menschen am Kai zu. Zu ihrer Erheiterung konnte sie in der Menge auch die Uniformen von zwei Wachen erkennen, die vermutlich eher zufällig dazu gekommen waren. So viel zu Strafzetteln.. Mit einem amüsierten Grinsen, wandte sie sich von dem immer verschwommener werdenden Landstreifen ab und richtete ihren Blick auf das weite Meer vor ihnen.

Während Chandra sich immer besser fühlte, ging es Bragi, von Welle zu Welle schlechter. Sein leicht sonnengebräuntes Gesicht nahm eine Farbe an, welche der Algen und Muscheln am Rumpf des Schiffes glich. „Und auf und ab, und auf und ab…“ zog sie ihn spöttisch auf. Ein weiteres Mal lehnte sich Bragi über die Reling um seinen Mageninhalt den Fischen zu Opfern, doch außer einem Würgen, Husten und Speichel bekam er nichts mehr raus. Sein Magen war so leer das er trotz seiner Übelkeit wieder Hunger bekam. „Ich… ich…“ Bragi wankte über das Deck und verschwand in seiner Koje. Der Arme dachte sich Chandra während sie gedankenverloren auf die offene See starte. Das Glitzern der Sonne auf dem Wasser, Tiere die im Kielwasser des Schiffes schwammen und sprangen, sich brechende Wellen, das alles hatte etwas Beruhigendes an sich.

Als Chandra auf dem Weg zu ihrer und Bragis Koje an der Kombüse vorbeikam, bekam sie hautnah mit was das Arbeiten auf einem Schiff so für Komplikationen mit sich brachte. Gregorius‘ persönlicher Küchenchef wurde kurzerhand zum Smutje umfunktioniert und fühlte sich in seiner neuen Umgebung alles andere als Wohl. Beim Versuch ein prunkvolles mehrgänge Menü zu erstellen kam nur eine vermengte Pampe bei heraus. Sein Fluchen war wohl durchs ganze Schiff zu hören. Gerade als er sich wieder beruhigt hatte und mit stoischer Motivation einen neuen Versuch startete, entdeckte er die in der Tür stehende Chandra. „Gehst du wohl hier aus“ brüllte er sie an und kam Kochlöffel schwingend angerannt. Chandra hielt es für besser seiner Anweisung Folge zu leisten, denn man legt sich besser nie mit dem Koch an, es sei denn man möchte neben Bragi an der Reling enden.

Beim abendlichen Essen saß Chandra neben dem immer noch grünen Bragi und wusste nicht so recht ob sie sich – ihrer Erinnerungen an die Begegnung mit dem Chef zum Trotze – auf das Essen freuen sollte oder lieber auf ihren starken Magen vertrauen. Als sie dann jedoch das für eine Schifffahrt sehr opulente Mahl, welches ganz und gar nicht nach durch Wellen und Erschütterungen hervorgerufenen vermengten Pampe aussah, sah zollte sie dem Chef mit einem kurzen Blick Respekt. Er hatte es doch noch geschafft. Ob er ihren Blick gesehen und vielleicht erwidert hatte bekam Chandra gar nicht mehr mit da sie sich ausgehungert über ihren gut gefüllten Teller hermachte.

Sie hatte noch keine drei Bissen gemacht, als Bragi ihr einen recht unsanften Stoß mit dem Ellenbogen in die Rippen gab. Erst da bemerkte Chandra, dass sie die einzige war, die schon zu essen angefangen hatte und alle anderen sie anstarrten. Mit der Gabel auf halbem Weg zum Mund blickte sie sich unsicher um und traf ausschließlich auf abschätzige, peinlich berührte und teilweise sogar entsetzte Blicke. Der einzige auf dessen Blick sie eher etwas wie Belustigung lesen konnte, war der Kapitän, der an der Spitze der Tafel stand. Erst da wurde ihr klar, dass er vermutlich gerade dabei war, zu einer Rede anzusetzen und sie deshalb die einzige war, die schon zu essen begonnen hatte. Jetzt verstand sie auch die empörten Blicke und schnell legte sie die Gabel samt der darauf aufgespießten Karotte weg, wobei diese sich von der Gabeln löste und mit einem in der Stille hörbaren Geräusch über den Tisch kullerte. Chandra spürte wie ihr Kopf rot anzulaufen begann und am liebsten wäre sie im Boden versunken. Neben sich hörte sie ein ersticktes Glucksen und als sie sich zu Bragi wandte, sah sie, dass er mit einem ausgewachsenen Lachanfall kämpfte. Wütend wandte sie sich ab und starrte auf ihren Teller. „ Nun, da ich die Aufmerksamkeit aller genieße,“ Chandra sah lang genug von ihrem Teller auf um dem amüsierten Blick des Kapitäns zu begegnen „möchte ich euch alle herzlichst auf der Nereia willkommen heißen.“ Er fügte noch einige belanglose Floskeln hinzu, bevor er seine Rede mit den Worten „Und nun, damit uns hier niemand verhungert“, wieder ein Blick zu Chandra, „wünsche ich allen einen Guten Appetit!“ Damit setzte er sich und begann, nachdem seine Gäste höflichen Beifall gespendet hatten, zu essen.

Chandra hingegen war der Appetit vergangen. Eine Weile stocherte sie noch mit missmutigem Gesicht auf ihrem Teller herum, doch dann beschloss sie, dass sie es hier nicht mehr aushielt, und stand ohne ein Wort auf. Als sie den Weg zur Tür zurücklegte, spürte sie wieder die abschätzigen Blicke der anderen Gäste und hörte das Tuscheln, bei dem sie sich gar nicht erst die Mphe machte zu verstehen was sie sagten, da sie solche Gesellschaften schon zur genüge kannte. Ihr war bewusst, dass sie damit, dass sie das Essen verließ, noch bevor es vorbei war, eine grobe Unhöflichkeit beging, doch in diesem Moment war ihr das vollkommen egal. Sollten sie doch denken was sie wollten.

Bragi fand sie eine Stunde später, er war bis zum Ende des Dinners geblieben, ganz vorne am Heck stehend und aufs Meer starrend. Inzwischen war es dunkel geworden und die ersten Sterne kletterten auf den dunkelblauen Himmel. Ohne ein Wort stellte er sich neben sie. Eine Weile verging, bevor Chandra das Wort an ihn richtete. „Ich hab es wieder mal vermasselt, nicht wahr?“ „Ganz genau.“ Wieder starrten sie nur stumm auf das Meer. Die Nereia glitt mit einem leisen Rauschen ruhig über die Wellen in denen sich das Licht der aufgehenden Sterne spiegelte. „Ich denke, ich werde in Zurkunft lieber mit der Mannschaft essen. Das Essen dort ist zwar vermutlich nicht so gut, aber die Gesellschaft kann nur besser werden. Außerdem bin ich mir sicher, dass es eine Erleichterung für die erlauchten Passagiere ist, wenn sie mich ungehobelte Person nicht in ihren Kreisen sehen müssen.“ Chandra hatte Bragi den Kopf zugedreht, sodass er ihr Gesicht im Licht der Bordlampen erkennen konnte. In ihren Augen konnte er Verbitterung lesen und auch eine unterdrückte Wut. Er konnte sie verstehen, er wusste wie grausam die gehobene Gesellschaft zu Menschen sein konnte, die nicht in ihr Schema passten. Und er wusste auch, dass dies Chandra hier nicht zum ersten Mal passiert war. Deshalb versuchte er auch gar nicht, sie von ihrer Idee abzubringen, denn vermutlich würde sie sich mit den Matrosen wirklich wesentlich besser verstehen, als mit den feinen Damen und Herren, die es schon verwerflich fanden, dass sie Hosen und ein ganz normales Hemd trug, anstatt eines Kleides mit Korsett. Allerdings fand er es schade, dass er von nun an alleine mit den Schnöseln fertig werden musste. Mit Chandra hätte er sich wenigstens über deren Art zu essen, ihre Kleider und ihre übertriebene Höflichkeit lustig machen können. Trotzdem nickte er nur.
Plötzlich fiel ihm auf, dass er sich nun schon seit fast zwei Stunden nicht mehr übergeben hatte, doch bevor er sich noch darüber freuen konnte, gab sein Magen ein leises Grummeln von sich, als hätte auch er sich eben erst wieder daran erinnert, dass ihm die Schaukelei nicht bekam. Drei Sekunden später freuten sich die Fische unter dem Schiff über die kaum verdauten Überreste eines opulenten Mahles. Chandra blickte nicht zu ihm, doch als Bragi leicht schief nach oben schielte, sah er ein, wie er fand, schadenfrohes Lächeln über ihr Gesicht huschen. Kurz war er erfreut, dass der bittere Ausdruck aus ihrem Gesicht verschwunden war, doch dann hing er schon wieder über der Reling und verschaffte seinem revoltierendem Magen Erleichterung.


25. Okt 2010, 15:23
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Beitrag Re: Die Stadt der Verlorenen Seelen
Der nächste Morgen an Bord dämmerte mit einem feinen Nieselregen herauf, der das ganze Schiff mit einer unangenehmen, alles durchdringenden Nässe überzog. Auf dem Deck schimmerte ein Feuchtigkeitsfilm, der das Betreten zu einem gefährlichen Unterfangen machte, wenn man nicht mit den schwankenden Bewegungen des Schiffes vertraut war. Selbst die Segel hatten sich schon vollgesogen, sodass sie bei jedem Aufblähen einen Schauer kleinster Wassertröpfchen abgaben.
Chandra hatte ihre Ankündigung wahr gemacht und so nahm sie nun ihr Frühstück unter Deck bei den Matrosen im Lagerraum ein. Bragi dagegen war ein weiteres Mal darum bemüht seine gute Kinderstube unter Beweis zu stellen, wart ihm doch lieber danach mit Chandra ein gepflegtes Schwätzchen zu halten. Wie der Saft eines Gummibaums zog sich dieses Essen ohne sie in die Länge, und Bragi hätte, es ein ums andere Mal, fast in einen Zustand des Seligen Dösens verschlagen. Nach geschlagenen zwei Stunden wurde Bragi dann endlich in die Freiheit der Stille entlassen. Wohl seiner Übelkeit wissend ging Bragi ein weiteres Mal nach vorne zum Oberdeck wo Chandra schon ihren Blick in die Ferne schweifen lies. „Ein schöner Tag heute… klare Luft, ein ruhiger aber kalter Nordwestwind und ruhige See. Da halte sogar ich es auf Deck aus, auch wenn es durch den gefrorenen Nieselregen sehr rutschig ist.“ Er legte ihr den Arm um die Schulter, zog sie nah an sich ran und gab ihr eine Kopfnuss dass ihre Haare in alle Himmelsrichtungen blickten. Manchmal braucht es Taten als warme Worte um jemanden wieder aufzuheitern. Bragi und Chandra balgten sich noch ein bisschen bevor Chandra sich wieder in ihre Kabine zurückzog. Ihren Platz neben Bragi nahm der erste Maat ein – welcher Chandra einen merkwürdigen Blick zuwarf den sie nicht deuten konnte. Sie warf noch schnell einen Blick über die Schulter und sah wie Bragi auf den Maat einredete, und das nicht sehr auf gute Erziehung bewusst. Hatte das etwa mit ihr zu tun, wusste er etwas was sie nicht wusste. Doch Chandra war zu stolz Bragi danach zu fragen und hatte diese Angelegenheit auch schon wieder vergessen als sie in ihrem Bett einschlief.

Lange schlief Chandra nicht, zu laut waren die Mäuse welche sich in ihre und Bragis Kabine verirrt hatten. In Anbetracht der gesunkenen Temperaturen zog sich Chandra schnell was über und ging dann nach draußen. Sie mussten doch bald mal an einer Insel vorbeikommen. Tagelanges reisen auf einem Schiff war definitiv nicht Chandras Lieblingsbeschäftigung. „Schiff in Sicht! Schiff in Sicht!“, schallte es oben vom Krähennest herab. Als Chandra den Blick nach oben wandte, sah sie den Ausguck sein Fernrohr schwenken und auf etwas deuten, das sich links von ihr befinden musste. Vorsichtig balancierte sie über den rutschigen Boden zur Reling hinüber. Zuerst konnte sie nichts erkennen, doch langsam schälten sich die Umrisse eines Schiffes aus dem durch das Nieseln erzeugten grauen Vorhang. Es musste ein großes Schiff sein, mindestens so groß wie das Ihre. Als sie zum Oberdeck blickte, sah sie Bragi, Gregorius, den Kapitän und seinen ersten Maat, bereits mit Fernrohr bewaffnet dort stehen. Sie hatten wohl ebenfalls die Rufe des Matrosen aus dem Krähennest gehört. So schnell es der glitschige Boden zuließ, lief Chandra zu den vieren um vielleicht auch einen Blick durch ein Fernrohr zu ergattern.
In dem Moment, als sie oben ankam hörte sie gerade Bragi mit entgeisterter Stimme sagen: „Was zum Teufel machen die da?!“ Das Schiff war nun schon wesentlich näher gekommen und selbst mit freiem Auge konnte sie erkennen, dass sie irgendetwas Großes, Weißes hoch hielten. Es sah aus wie ein Sonnensegel oder ein Transparent. Mit einer raschen Bewegung nahm Chandra Bragi das Fernrohr weg und blickte, ohne auf seine Proteste zu achten, durch. Was sie sah bestätigte ihre Vermutung. Es war tatsächlich ein Sonnensegel, allerdings waren Buchstaben darauf gemalt. „V..o..r..s..i..c..h..t.“, las sie laut. „Vorsicht? Was soll der Quatsch?! Vorsicht vor was?“ Fragend blickte sie in die Runde, sah jedoch auch nur in ratlose Gesichter. Plötzlich, so als hätten die anderen drüben auf dem Schiff ihre Frage gehört, war ein grollen zu vernehmen und wenige Sekunden später platschte etwas großes sehr nah an ihrem Schiff ins Wasser. Der Kapitän war der erste, der erkannte was geschah. „An die Kanonen, Leute! Die schießen auf uns!“, dröhnte seine Stimme laut über das Deck und löste Hektik unter den Matrosen aus. Kaum war sein Ruf verklungen, hörte man schon die nächste Kanone donnern, doch dieses Mal war die Kugel besser gezielt und traf die Schiffsseite knapp unter der Reling, dass die Splitter nur so flogen.
Zwei Kugeln später waren auch die Kanonen der Nereia feuerbereit und drei Schüsse wurden synchron gegen das gegnerische Schiff abgefeuert. Sie waren gut gezielt und mindestens zwei mussten das Ziel treffen. Auf dem Gesicht des Kapitäns erschien ein schadenfrohes Lächeln. „Das wird sie wohl lehren.....“ Die Worte erstarben ihm auf den Lippen, als alle drei Stahlkugeln kurz vor dem Schiff plötzlich ins Meer fielen, als wären sie gegen eine Mauer geprallt. Mit ungläubigen Augen beobachtete Chandra wie auch der zweiten Salve das gleiche Schicksal wiederfuhr. „Ein Magier. Sie haben einen Magier an Bord!“, Bragis Stimme durchbrach die fassungslose Stille und als Chandra sich zu ihm herumdrehte, sah sie, dass er das Fernrohr, das der Kapitän weggelegt hatte, ans Auge hielt. „Die werden uns zu Klump schießen und wir können nichts dagegen tun.“ In dem Moment traf ein Mastbrecher den Hauptmast der Nereia und das ganze Schiff bebte, als er auf das Deck krachte. Danach kehrte Stille ein. Das andere Schiff hatte aufgehört zu schießen und setzte nun die Segel um sich ihnen zu nähern.

Als es nahe genug war, dass man Einzelheiten erkennen konnte, trat ein Mann an die Reling des Schiffes und blickte ihnen mit einem siegessicheren Lächeln entgegen. Gregorius gab ein Keuchen von sich, als er ihn sah. „Was will denn der Angeber hier? Warum beschießt uns dieser Vollidiot?“, Chandra hörte die Ungläubigkeit in seinen Worten und drehte sich zu ihm. „Du kennst diesen Kerl?“ „Oh ja, ich kenne ihn.“ Seine Ungläubigkeit war Verachtung gewichen. „Er ist ein Sohn aus hohem Hause wie ich, allerdings gehört er im Gegensatz zu mir dem Geldadel an und in seinen Adern fließt kein wahres blaues Blut.“ Gregorius hob die Worte mir und wahr besonders heraus. “Und wie es aussieht, ist er ebenfalls auf der Suche nach den Früchten. Aber der Trottel müsste doch wissen, dass er große Probleme bekommen wird, wenn den Passagieren auf diesem Schiff etwas antut, schließlich sind das alles entweder Leute von Rang oder sie sind einfach stinkreich. Bei beiden ist es nicht klug, sie zu verärgern. Also welcher Teufel hat ihn geritten, als er unser Schiff beschießen ließ?“
Das andere Schiff war inzwischen bis auf Rufweite herangekommen und Gregorius eilte mit wütend zusammengezogenen Brauen zur Reling und schrie: „Verdammt! Drow Sophilus! Seid ihr von allen guten Geistern verlassen?! Ihr hättet uns umbringen können!“ Der Angesprochene, offensichtlich war sein Name Drow, lächelte nur und wartete, bis die beiden Schiffe noch näher beieinander waren und er kaum noch die Stimme heben musste. „Nun mein lieber Gregorius, das war ein Risiko, dass ich einzugehen bereit war. Vor allem weil ich gewissen Beistand hatte.“ Er deutete mit der Hand hinter sich, wo man einen eher unauffälligen Mann, etwa Anfang zwanzig stehen sehen konnte. Unauffällig wirkte er jedoch nur auf den ersten Blick, denn wenn man sich etwas konzentrierte, konnte man seine Aura spüren, die wie ein Herzschlag zu pulsieren schien. „Außerdem“, fuhr er fort „habe ich das hier alles geplant, also mach dir nicht in die Hose Gregorius, ihr werdet nicht hier auf hoher See verloren gehen.“ Chandra konnte sehen wie sich die Gesichtsfarbe des Angesprochenen sich noch weiter ins Rötliche verschob. „Laut meines Kapitäns müssten wir Sangaleia in etwa sechs Tagen erreichen. So wie ich Kreuzfahrtschiffe dieser Art kenne, wird wohl bei der Beladung mit Nahrung und Getränken nicht gespart worden sein, ihr dürftet also leicht noch eine Woche länger als erwartet durchhalten, auch wenn ihr am Ende vermutlich nur mehr Wein zu trinken haben werdet. Oder vielleicht gelingt es euch sogar das Schiff selbst zu reparieren..“ Er blickt zu dem geborstenen Hauptmast, „..wobei ich das eher bezweifle.“ Er macht eine Geste zum Kapitän seines Schiffes, woraufhin der beginnt, Befehle zu brüllen. „Nun denn, ich würde ja gerne noch länger verweilen, aber ich habe noch einiges zu erledigen. Ruhm, Geld und solches Zeug erwarten mich.“ Er grinst, während sein Schiff sich schwerfällig in Bewegung setzt und sich langsam von der Nereia entfernt. „Man sieht sich!“

Gregorius grub seine Finger so fest in die Reste seiner Reling, dass das Holz splitterte und Blut auf den feuchten Schiffsboden tropfte. Nach dem ersten Schock brach plötzlich Panik auf dem Schiff aus. Die einen sahen sich schon dem Tode geweiht, andere machten den Kapitän verantwortlich und wollten ihr Gold wieder haben. Die nächsten wollten schon die Nahrungsmittel und das Wasser aufteilen und manche gar den Hauptmast reparieren. Zwischen all den panischen Besatzungsmitgliedern und Gästen überraschte es Bragi das er die Fassung behielt. Gregorius dagegen lief schon der Schaum aus dem Mund, er kochte vor Wut und wollte auch Bragi an seiner Wut teilhaben lassen, um über diesen verdammten Bastard zu fluchen, doch Bragi drehte ihm einfach den Rücken zu und ging zu Chandra. Er musste nichts sagen, nahm sie nur in den Arm und war bei ihr während sie beide, auf die jetzt ruhige See schauten.


24. Jul 2011, 14:11
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